Anne Arndt, Von Tieren und Pflanzen

Anne Arndts künstlerische Setzung ist im besten Sinne aufklärerisch: durch die Verschiebungeines realen Raumes in den Kunstkontext ist es möglich, sich Mechanismen von Tatdokumen­tation und Opferbetreuung anzuschauen unddas tabuisierte Thema – sexuelle Gewalt – in einen anderen Rahmen, als dem der persön­lichen Betroffenheit, zu reflektieren.

Der Titel Von Tieren und Pflanzen ist einem Zitat von Hegel entnommen „Frauen können wohl gebildet sein, aber für die höheren Wissenschaften, die Philosophie und für gewis­se Produktionen der Kunst, die ein Allgemeines fordern, sind sie nicht gemacht. Frauen können Einfälle, Geschmack, Zierlichkeit haben, aber das Ideale haben sie nicht. Der Unterschied zwischen Mann und Frau ist die des Tieres und der Pflanze: das Tier entspricht mehr dem Charakter des Mannes, die Pflanze mehr dem der Frau, denn sie ist mehr ruhiges Entfalten, das die unbestimmtere Einigkeit der Empfindung zu seinem Prinzip erhält (…).“

06. April – 3. Mai 2019
Eröffnung: Freitag 05. April 2019, 19 Uhr

In der Gemeinde findet man ein Wartezimmer vor: Plastikschalensitzreihen, in der Ecke steht eine leere Garderobe, grauer Teppichboden, ein ver­staubter Benjamin sucht Licht am Fenster. Die große Fensterfront ist in der Mitte der Scheiben mit Folien abgeklebt, sodass der Raum von au­ßen nicht einsehbar ist. An einer Wand steht ein Automat, daneben ein Regal mit unterschied­lichen Broschüren. Tritt man näher heran, be­greift man, dass es sich um was für ein Warte­zimmer handelt, die Broschüren geben thema­tische Hinweise: Sie bieten Hilfe bei häuslicher Gewalt, informieren über Beratungsstellen bei sexuellen Übergriffen, auch eine Heft des wei­ßen Rings liegt aus. Der Ausstellungsraum scheint sich über die Nacht in eine Anlaufstelle für Opfer von sexueller Gewalt verwandelt zu haben. Der Automat enthält – anders als erwar­tet – keine kleinen Snacks und Getränke, sondern Waffen zur Selbstverteidigung. Alle Waffen sind rosa und können durch Einwurf von ein paar Euros erworben werden.

Anne Arndt reinszeniert detailgetreu einenrealen Raum. Durch die Verschiebung einer wirklichen Situation in den Kunstkontext werden Eigenheiten dieses Arbeitsbereiches sichtbar. Eine Broschüre der Polizei – zu finden in dem Broschürenregal des fiktiven Wartezimmers – gibt Tipps, wie Frauen vermeiden können, im öffentlichen Raum Opfer von sexueller Gewalt zu werden. Diese Hinweise legen die Verantwor­tung für Unversehrtheit vollständig in die Hände der Frauen. An einer Wand hängt ein Monitor, der auf Google Street View die Rekonstruktion der Wege zeigt, die Frauen gegangen sind, nachdem sie, nach unter K.O. Tropfen begang­enen Vergewaltigungen, aufgewacht sind. Eine Tonebene liest Verhal­tensanweisungen der Polizei für Opferschutz vor, die unter anderem auf die Benutzung von Waffen verweist.

G.W.F. Hegel: Grundlinien der Philosophie des Rechts, Frankfurt/M. 1970, S. 319 (Zusatz zu Paragraph 166)

[Beate Gütschow / Alex Grein / Anne Arndt]

ANNE ARNDT
Geboren in Schwerin, Mecklenburg. Lebt und arbeitet in Köln.
Von 2009-2013 Hochschule Niederrhein, Krefeld, B.A. Design.
Seit 2015 Studium der Medialen Künste an der Kunsthochschule für Medien Köln.

http://annearndt.de/